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Nachricht vom 08.04.2022 Sonstiges

Am 8. April 1972: Hirschau grenzenlos happy

Hirschau (Bericht von Werner Schulz)  Samstag, 8. April 1972, 15 Uhr! Hirschaus StraĂźen sind leer gefegt. Alt und Jung sitzen vor den Bildschirmen oder fiebern im Eisstadion in Bad Tölz dem Anpfiff der 90. Folge von „Spiel ohne Grenzen“ entgegen: Bad Tölz gegen Hirschau!

1 200 Schlachtenbummler sind per Sonderzug mit 19 Waggons oder mit Privat-PKWs in die oberbayerische Kurstadt gereist, darunter auch Landrat Dr. Hans Raß, MdL Maria Geiß-Wittmann und selbstverständlich Bürgermeister Willi Bösl.. Auch der Spielmannszug ist mit Pauken und Trompeten dabei! Alle wollen ihr Team beim TV-Städteduell gegen die Gastgeber nach Kräften unterstützen. „Hirschau ran, wer kann, der kann“ oder auch „Unheimlich dringt’s aus dem Gehölz, heute schlagen wir Bad Tölz“ lauten die Schlachtrufe. Auf einem Transparent steht: „Hirschau, größte Kaolinstadt Deutschlands“. Ob im Eisstadion oder im Fernsehsessel – alle sollen unvergessliche 75 Minuten erleben.

Die Vorgeschichte

Dass Hirschau an der in den 1960er und 1970er beliebten TV-Spielshow teilnahm, ist das Verdienst von Hans Dobmeyer – damals Mitglied des Stadtrats und Vorsitzender des SC Monte Kaolino. Er war Initiator, Motor und Koordinator des Unterfangens. Es funkte bei ihm, als er 1971 eine Übertragung von „Spiel ohne Grenzen“ ansah. „Wir haben doch den Monte, ein Freizeitzentrum, das sich sehen lassen kann und einen mittelalterlichen Marktplatz! Wir könnten doch mitmachen!“ Am 8. Mai 1971 schrieb er an Moderator Camillo Felgen. 16 Tage später kam der Bescheid, dass sich nur die Stadt bewerben kann. In der Bauausschusssitzung am 22. Juli kam eine mögliche Bewerbung zur Sprache. Tenor: Wir können weder Bad noch Marktplatz 14 Tage sperren. Hans Dobmeyer gab nicht auf. Er schlug am 28. Juli im Stadtrat vor, das Spiel vor der Saison abzuhalten. Ergebnis: Ja zur Bewerbung beim WDR.

Die Fernsehleute schickten Unterlagen und setzten für den 22. September eine Besichtigung fest. Es wurde geputzt, aufpoliert und aufgemöbelt. Das WDR-Team kam einen Tag früher, um sich unerkannt alles anzusehen. Sie waren begeistert vom Monte Kaolino, lehnten aber ab: der Sandberg war ihnen zu steil, das Gelände zu klein. Zum Trost schlug „Spielemutter“ Marita Theile die Teilnahme an einem Spiel auf Eis in Oberbayern vor.

Hans Dobmeyer dachte an die Schlittschuhläufer am Moosweiher und stimmte zu. Nun jagten sich Verhandlungen und Unterredungen. Am 13., 14. und 15. Oktober wurde der Filmvorspann in Hirschau gedreht, für 1. Dezember eine Besprechung in Bad Tölz angesetzt. Als Trainer wurden Hermann Häckl und Werner „Bobby“ Schertl gewonnen. Die 15 Spieler wurden ausgewählt: Luzia Dietz, Gerlinde Strobl, Maria Strobl, Alfons Flor, Herbert Fuchs, Richard Gaßner, Hans Graf, Josef Holzer, Waldemar Krölloff, Rainer Linthaler, Richard Niebler, Werner Marschalek, Jürgen Rödig, Helmut Schmidt und Rudolf Wild. Der ERSC Amberg stellte sein Stadion zum Training kostenlos zur Verfügung. Zweifelte jemand am Gelingen, baute ihn Hans Dobmeyer auf: „Das Spiel steht 50 zu 50, wir werden gewinnen!“

Die Vorbereitung

Drei Tage vor dem großen Ereignis hieß es für Hans Dobmeyer, Hermann Häckl, Werner Schertl und das Team ab nach Bad Tölz. Beim Üben erlebte man Pleite um Pleite! Man verlor fast jedes Trainingsspiel gegen die vom 101-fachen Eishockey-Nationalspieler Hans Rampf trainierten Gastgeber. Im Team der Tölzer standen Deutsche Meister und Nationalspieler. Werner Schertl: „Deshalb wurden wir von den Tölzern als Sportler zweiter Klasse angesehen und unterschätzt. Bei jedem Auftreten wurden wir belächelt oder als Kanonenfutter der Tölzer Stars bezeichnet.“ Die letzte Probe endete 20:2 für Bad Tölz. Die Hirschauer waren am Boden zerstört. Um 14 Uhr saßen die Spieler*innen im Eisstadion auf ihrer Bank. Hermann Häckl und Bobby Schertl munterten sie auf, Hans Dobmeyer versuchte noch ein Späßchen. 15 Uhr – das Spiel begann.

Das Spiel

Die Hirschauer erwischen einen schlechten Start, liegen nach drei Spielen mit 0:6 zurück. Eine Katastrophe scheint sich anzubahnen. Man zieht beim „Vogel-Strauß-Spiel“ den Kürzeren, unterliegt beim „Ballspiel“ und verliert überraschend das „Eisstockschießen“. Es hatte bei der Vorbereitung gut geklappt. Beim „Skispiel“ holt das Hirschauer Quintett den ersten Sieg und verkürzt auf 2:6. Die Freude währt nur kurz. Beim 5. Spiel „Die Ringe“ setzen die Tölzer ihren Joker. Luzia Dietz und die Strobl-Schwestern haben keine Chance. Spielstand 2:10. Dann ein Hoffnungsschimmer: Hermann Häckl gewinnt das Trainerspiel. Nach dem Knoten-Knüpfspiel steht es 4:10. Es folgt der nächste Dämpfer. Beim „Schneemänner-Spiel“ verliert Rudi Wild die Balance, Hirschau die Punkte - 4: 12. Kommentar der Abendzeitung am 9. April: „Als Tölz mit 12 zu 4 führt, fällt bei den Hirschauern das Wort Stalingrad!“ Bei der „Schlittenfahrt“ setzen die Hirschauer ihren Joker. Rainer Linthaler, Waldemar Krölloff und Alfons Flor rechtfertigen das Vertrauen. Beim Stand von 8:12 treten Richard Gaßner und Herbert Fuchs zum „Esel- Spiel“ an. Fuchs kann durch einen winzigen Schlitz sehen, Gaßner läuft blind. Als der Tölzer Esel ein Tore umwirft, ist das Spiel für Hirschau gewonnen: 10:12. Als Superlativ erweist sich das „Clown-Spiel“. Werner Marschalek muss Messer, Gabel, Bierkrug (möglichst ohne Wasser zu verschütten), die Würste- und Knödelplatte sowie den „Gast“ Hans Graf zum gedeckten Tisch bringen. Das Publikum rast. Graf sitzt triumphierend als erster am Tisch. Vor dem letzten Spiel steht es 12:12! Die Hirschauer sind nun euphorisch. Beim „Schnee-Spiel“ schieben Luzia Dietz, Gerlinde und Maria Strobl die Flocken zur Ziellinie. Richard Niebler und Jürgen Rödig schaufeln ihn in einen Behälter. Hirschau gewinnt mit vier Kilo Vorsprung. Endstand: 14:12. Die Spieler bewerfen sich und plumpsen in den Schnee, Hans Dobmeyer taucht glückselig in den weißen Flocken unter. Die Zuschauer jubeln … so ein Tag, so wunderschön wie heute“.

Während die Schlachtenbummler in den Gasthäusern und ab 19 Uhr im Sonderzug den Sieg genießen, finden sich die Mannschaften und weitere geladene Gäste im Kurhaus ein. Nach dem Austausch von Geschenken und dem Genuss eines bayerischen kalten Buffets legt man bis in die Morgenstunden manch kesse Sohle auf das Parkett.

Der Empfang daheim

Tags darauf bereitete die Hirschauer Bevölkerung ihrer Siegermannschaft einen triumphalen Empfang. Gut 2 000 Männer, Frauen und Kinder hatten sich auf dem Marktplatz versammelt. Bürgermeister Willi Bösl sprach dem jubelnden Publikum aus dem Herzen: „Ganz Hirschau ist stolz auf euch!“ Trainer Häckl bedankte sich bei dem „phantastischen Publikum, dem besten der Welt!“ Landrat Dr. Hans Raß, der wie Bürgermeister Bösl beim Wettkampf live dabei war, zollte dem Team ein paar Tage danach in seinem Amtszimmer höchste Anerkennung für ihre Leistungen.

Nächstes Ziel: Internationaler Wettkampf in Spa (Belgien)

Die Mannschaft konnte sich aber nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Der Sieg bedeutete die Qualifikation für „Spiel ohne Grenzen“ auf internationaler Ebene am 23. Mai im belgischen Spa. Neben den Gastgebern und Hirschau haben sich Teams aus La Chaux-de-Fonds (Schweiz), Anglet (Frankreich), Salisburg (Großbritannien), Ostuni (Italien) und Franeker (Niederlande) qualifiziert.

Der 8. April 1972 wurde zum denkwürdigen Tag für die Stadt Hirschau. Das Team aus der Kaolinstadt gewann beim TV-Städteduell „Spiel ohne Grenzen“ im Eisstadion von Bad Tölz nach dramatischem Wettkampf mit 14:12 Punkten. Vordere Reihe v. l.: Moderator Camillo Felgen, Trainer Hermann Häckl, halb verdeckt Luzia Dietz und Gerlinde Strobl, Jürgen Rödig, Hans Graf, Waldemar Krölloff und Richard Gaßner. - Foto von SanderFoto: Sander
Der 8. April 1972 wurde zum denkwürdigen Tag für die Stadt Hirschau. Das Team aus der Kaolinstadt gewann beim TV-Städteduell „Spiel ohne Grenzen“ im Eisstadion von Bad Tölz nach dramatischem Wettkampf mit 14:12 Punkten. Vordere Reihe v. l.: Moderator Camillo Felgen, Trainer Hermann Häckl, halb verdeckt Luzia Dietz und Gerlinde Strobl, Jürgen Rödig, Hans Graf, Waldemar Krölloff und Richard Gaßner.

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