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Nachricht vom 20.09.2020 Vereine

Hirschauer Musikzug fĂŒhrte Steuben Parade an

Hirschau (Bericht von Werner Schulz)  Das Jahr 1975 ist ein außergewöhnliches in den Musikzug-Annalen: GrĂŒndung der Majoretten, Umbenennung des Spielmanns- in Musikzug, 1. Marktplatzfest und – als Krönung – Teilnahme an der Steuben Parade in New York.

107 Hirschauer, unter ihnen 65 aktive Spielleute, flogen am 18. September zu der grĂ¶ĂŸten Musikparade der USA ĂŒber den großen Teich. Sie findet seit 1958 alle Jahre am dritten September-Samstag auf der Fifth Avenue in New York zum Gedenken an den deutschen General Freiherr von Steuben statt. Er wurde unter Oberbefehl George Washingtons zum Helden des Amerikanischen UnabhĂ€ngigkeitskrieges. Die Parade 1975 war die bis dahin grĂ¶ĂŸte, galt sie doch als Auftakt zu den Feiern, die die deutschstĂ€mmigen Amerikaner zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten durchfĂŒhren. Der Hirschauer Musikzug hatte am 20. September 1975 die Ehre, den Paradezug mit ĂŒber 14 000 Teilnehmern anzufĂŒhren.

Mit der Steuben Parade zeigen die deutschstĂ€mmigen Amerikaner – alleine in New York City leben ca. 500 000 – mit Festwagen und Gruppen, welche Verdienste sich die deutschen Einwanderer um die GrĂŒndung der USA erworben haben. Zugleich soll damit die gute Verbindung zwischen der „neuen“ und „alten“ Heimat zum Ausdruck kommen.

Daher laden die Organisatoren auch Gruppen aus der „alten“ Heimat ein. 1975 gehörte auch der Musikzug dazu. Ein Vertreter des Organisationskomitees hatte die Hirschauer bei einem Auftritt gesehen und die Einladung veranlasst. Nach mehrmonatiger Vorbereitung machte sich der Musikzug mit seinem Boss Sepp Uschold und begleitet von BĂŒrgermeister Willi Bösl auf die Überseereise. Damit das Unternehmen fĂŒr die Teilnehmer finanziell gestemmt werden konnte, hatte man das 1. Marktplatzfest durchgefĂŒhrt und bei verschiedenen Stellen mit Erfolg um Finanzspritzen gebeten. So konnte man dem Reisepreis von ursprĂŒnglich 1025 DM auf 860 DM/Person drĂŒcken. Der spĂ€tere Musikzug-Vorstand Werner Stein erinnert sich: „Sogar der Bayerische MinisterprĂ€sident Alfons Goppel hatte 500 DM locker gemacht.“

FĂŒr die meisten Teilnehmer, von denen einige noch im Kindesalter waren, war die Reise mit der Boing 707 der erste große Flug. So mancher Mitreisende erinnert sich an die Aufregung, mit der man die Zeremonien auf dem Flugplatz MĂŒnchen-Riem und auf dem Kennedy-Airport ĂŒber sich ergehen ließ. Die Hirschauer wurden genau gefilzt. Besondere Probleme hatten BĂŒrgermeister Bösl und der jĂŒngste Mitreisende Heinz Bergmann. Das Stadtoberhaupt musste wegen seiner Armprothese nochmals durch das KontrollgerĂ€t. Den kleinen Musikus hielt man zunĂ€chst fĂŒr einen Ausreißer.



Nach dem elfeinhalbstĂŒndigen Flug erfolgte am Kennedy-Airport die offizielle BegrĂŒĂŸung durch den VizeprĂ€sidenten des „German American Comitee of Greater New York“ George Pape. Dazu hatte sich auch eine Reihe Ex-Hirschauer eingefunden. Sie hatten ein großes Plakat mitgebracht: „Herzlich willkommen Spielmannszug Hirschau“. Rasant ging es zum Taft-Hotel an der 7. Avenue, ein Hotel mit 3 000 Betten und ca. 2 000 Personen Personal. An dieses erinnert sich Heidi Scharl - damals als 12-JĂ€hrige die jĂŒngste, ohne Begleitung Mitreisende – noch recht gut: „Ich war das erste Mal ohne Eltern so weit weg. Meine Freundin Roswitha (sie war 13 Jahre) hatten im 8. Stock ein Doppelzimmer. Dann passierte im Hotel Victoria gegenĂŒber auch noch ein Mord und wir hatten ziemlich Angst alleine im Zimmer zu schlafen.“

Einen ersten Eindruck von der Weltmetropole erhielt man tags darauf bei der Stadtrundfahrt. Sie endete am New Yorker Rathaus. Dort wurde die Reisegruppe vom Kulturreferenten der Stadt, Musikdirektor Dr. Seuffert, im Namen von OB Dr. Beame begrĂŒĂŸt wurden. Er war wegen der Trauerfeier fĂŒr zwei ermordete Polizisten verhindert. Vor dem Rathaus hatte der Musikzug seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil. BĂŒrgermeister und stellv. Landrat Willi Bösl dankte fĂŒr den herzlichen Empfang und ĂŒberreichte Dr. Seuffert ein PrĂ€sent der Stadt und des Landkreises. Als Gegengeschenk erhielt er den „Goldenen SchlĂŒssel der Stadt New York“ als Anstecknadel. Den freien Nachmittag nutzten die Hirschauer zum Besuch des Empire State Buildings und des UN-GebĂ€udes bzw. zu einem Stadtrundflug.

Absoluter Höhepunkt der Reise war die Teilnahme an der Steuben Parade. Der Musikzug hatte die Ehre den farbenprĂ€chtigen Zug mit ĂŒber 14 000 Marschteilnehmern anzufĂŒhren. Hunderte von Musikkapellen und SpielmannszĂŒgen wechselten in bunter Folge mit FestwĂ€gen, Volks- und Trachtengruppen. Den Mittelpunkt bildeten historische Darstellungen auf FestwĂ€gen und in Gruppen, die vor allem die Pionierzeit der deutschen Einwanderer zeigten. Aus der Bundesrepublik waren rund 30 Folklore-Gruppen, MusikzĂŒge und Kapellen mit von der Partie. Die Hirschauer erlebten einen großen, aber auch schweren Tag, dauerte die Parade doch gute viereinhalb Stunden. Hunderttausende sĂ€umten die Straßen. Die HaupttribĂŒne befand sich an der 5. Avenue. Ehrengast war der Bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann. Die Hirschauer in ihrer schmucken Landsknechtstracht ernteten auf der ganzen Strecke stĂŒrmischen Beifall fĂŒr ihr flottes Spiel. Heidi Scharl: „Die Avenues waren sooo breit. Das Marschieren war fĂŒr mich gar nicht so einfach. Die AbstĂ€nde zwischen den Musikern waren recht groß. Ich hatte damals noch sehr kurze Beine. Da war es fĂŒr mich schwierig mitzuhalten. Alles war einfach aufregend!“

Anschließend wurden die Hirschauer von der 17. Division der New Yorker Feuerwehr, deren Chef aus Göttingen stammte, eingeladen. WĂ€hrend des feuchtfröhlichen Zusammenseins musste der Musikzug immer wieder aufspielen, da der Feuerwehrchef zu gerne deutsche Marsch- und Heimatlieder hören wollte. Die Feuerwehr erwies sich als guter Gastgeber. Zum Abschied gab es fĂŒr BĂŒrgermeister Bösl den Feuerwehr-Ehrenhut.

Der Besuch des Musikzuges war zugleich Anlass fĂŒr ein Heimattreffen in Amerika lebender ehemaliger Hirschauer. Dazu waren auch Karl Meier und Christian Leikermoser mit seiner aus Gebenbach stammenden Frau eigens von Kanada nach Ney York geflogen. In einem Wienerwald-Restaurant herrschte bald urgemĂŒtliche Stimmung, die Robert Hierl und Rolf Mader durch flotte Musik anheizten. BĂŒrgermeister Bösl ließ es sich nicht nehmen, allen Ex-Hirschauern eine Stadtchronik zu ĂŒberreichen. FĂŒr den Feuerwehr-Chef gab es einen Stadtkrug. Musikzug-Boss Sepp Uschold bedankte sich bei seinem seit Jahren in Amerika lebenden Schulkameraden Rudi Kugler, der den Hirschauern ein ausgezeichneter ReisefĂŒhrer war, einen Ehrenkrug. Der revanchierte sich mit einer Einladung an Uschold und BĂŒrgermeister Bösl zu einem Besuch in seinem amerikanischen Heim.

Zum Abschluss des fĂŒnftĂ€gigen Aufenthalts unternahm die Besuchergruppe eine gemeinsame Bootsfahrt rund um Manhattan. Dann galt es Abschied zu nehmen von New York. Im Non-Stop-Flug, bei dem man noch einen kleinen Sturm miterlebte, ging es zurĂŒck nach MĂŒnchen. Dort wartete eine Überraschung auf den Musikzug. Auf Vermittlung von MdL Dr. Hans Wagner, dem spĂ€teren Landrat, wurden die Spielleute eingeladen auf dem Oktoberfest vor dem Zelt der Löwenbrauerei ein StĂ€ndchen zu spielen. Unter den Zuhörern war auch StaatssekretĂ€r Dr. Erich Kießl. Er gratulierte den Hirschauern zu ihren gelungenen Darbietungen. In Hirschau hießen 2. BĂŒrgermeister Hans Dobmeyer und gut 2 500 Schaulustige die Heimkehrer abends auf dem Marktplatz mit stĂŒrmischem Beifall willkommen.

1997, so Werner Stein, hat man eine zweite Teilnahme an der Steuben Parade in ErwÀgung gezogen, den Gedanken aber doch wieder verworfen.

Vor dem New Yorker Rathaus hatte der Musikzug am 19. September 1975 seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil. - Foto von Werner SchulzFoto: Werner Schulz
Vor dem New Yorker Rathaus hatte der Musikzug am 19. September 1975 seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil.

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Foto: Werner Schulz
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