Hirschau (Bericht von Werner Schulz) Die Hirschauer Innenstadt hat ein neues Schmuckstück – das Gebäude in der Hauptstraße
37. Alfred und Edith Härtl haben es 2021 erworben und von unten bis oben, von hinten bis
vorne liebe- und geschmackvoll renovieren lassen.
In Hirschau ist nur wenig bekannt, dass Mitte des 16. Jahrhunderts im Gebäude
Hauptstraße 37, dem sog. Kärgl-Haus (damals Nr. 25), mit dem Sohn des Stadtschreibers
Hans Krebser eine bedeutende Hirschauer Persönlichkeit geboren wurde: Dr. Vitus Krebser.
Sein Geburtsdatum ist nicht bekannt, wohl aber, dass er in Wien, am Collegium
Germanicum in Rom und der Universität Siena studierte. Dort erfolgte seine juristische
Promotion. Am 1. Juli 1574 graduierte er zum „Doktor beider Rechte“ (Doctor iuris utriusque
– kirchliches und weltliches Recht). Fürstbischof Julius Fechter ernannte ihn 1580 zum
fürstlichen Kanzler. 1591 wurde er zum Rektor der neuen Universität Würzburg ernannt,
1592 zum Dekan des Stiftes Neumünster gewählt. Dr. Krebser verstarb am 3. Februar
1594. In seinem Testament zeigte er seine Verbundenheit zu Hirschau. Er stiftete ein
Vermögen von 1 000 Goldgulden. Dessen jährliche Zinsen ermöglichten jungen
Hirschauern das Studium an der Universität Würzburg. Seine steinerne Grabplatte (Epitaph)
befindet sich im WĂĽrzburger NeumĂĽnster.
Ein tiefer Einschnitt – Beim Großbrand 1909
brennt das Anwesen nieder
Am 29. März 1909 brannte bei einem Großbrand auch das
Kargl-Anwesen vollständig nieder. Es wurde wieder aufgebaut. Seither lebten und
arbeiteten hier Menschen von der Landwirtschaft. Wohnhaus, Kuhstall, Schweinestall,
Stadl, Heulager und ein kleiner Innenhof bildeten einen typischen kleinen Bauernhof mitten
in der Stadt. 2021 kauften Edith und Alfred Härtl das Haus. Eigentlich wollten sie es nur
renovieren und anschließend vermieten. Alfred Härtl hatte ja schon Erfahrung mit
historischen Gebäuden durch den Umbau des „Goldenen Hirsch“. Schon bei der ersten
Besichtigung war er beeindruckt von den alten Mauern, den tiefen Fensternischen und dem
Gewölbekeller. Ihm war dabei bewusst: Geschichte hat ihren Preis. In der Tat wartete hinter
jeder geöffneten Wand die nächste Überraschung. Rund 100 Tonnen Bauschutt mussten
entsorgt werden. Vier Jahre lang begleitete er die Baustelle nahezu täglich – als Bauleiter,
als Co-Architekt, Koordinator, Entscheider und oft auch als Problemlöser. Aus der geplanten
Renovierung wurde Schritt für Schritt eine vollständige Kernsanierung. „Man öffnet eine Tür
und dahinter warten gleich zehn neue Baustellen“, sagt Alfred Härtl heute lachend. „Zum
GlĂĽck weiĂź man das vorher nicht. Sonst wĂĽrde man manches Projekt wahrscheinlich gar
nicht anfangen. Es gibt Häuser, die baut man. Und es gibt Häuser, die bauen einen selbst.“
Geschichte hat eben ihren Preis. Rund 100 Tonnen Bauschutt mussten entsorgt werden.
Vier Jahre begleitete Alfred Härtl die Baustelle nahezu täglich – als Bauleiter, als Co-
Architekt, Koordinator, Entscheider, oft auch als Problemlöser. Eine alte Holztreppe verlief
mitten durch die Erdgeschosswohnung und musste aus GrĂĽnden des Brandschutzes
weichen. Der neue Hauseingang wurde auf die Straßenseite verlegt, wodurch zeitgemäße
Wohnungen entstanden. Besonders schwer fiel den Härtls der Abschied vom historischen
Parkettboden im Obergeschoss. Eigentlich sollte er nur abgeschliffen werden. FĂĽr die neue
Fußbodenheizung musste er jedoch entfernt werden. „Aber manchmal muss man sich
entscheiden, ob man Vergangenheit bewahrt oder Zukunft schafft.“ Dabei wartete eine
kleine Ăśberraschung: Unter den Dielen fanden sich gut erhaltene Ausgaben der Amberger
Volkszeitung aus dem Jahr 1965. Noch bewegender war ein kleiner Kinderschuh aus Leder,
der zwischen den alten Holzbrettern lag. Wem er einst gehörte, wird wohl für immer ein
Geheimnis bleiben. Solche unscheinbaren Funde erzählen oft mehr über das Leben
vergangener Generationen als jedes Geschichtsbuch.
Auch der Dachstuhl musste vollständig erneuert werden. Das Dach erhielt wieder eine
Eindeckung mit traditionellen Biberschwanzziegeln, der Stadl ein neues Dach. Gleichzeitig
legten die Härtls großen Wert darauf, den Charakter des Hauses zu bewahren. Neue
Holzfenster mit Sprossen, historische Fenstergesimse und das aufwändig restaurierte
Hoftor lassen die Vergangenheit bis heute sichtbar bleiben.
Im Inneren zog moderne Technik ein: neue Leitungen, eine zeitgemäße Elektroinstallation,
Fußbodenheizung und eine energetische Sanierung. Alfred Härtl war es wichtig, möglichst
heimische Handwerksbetriebe zu beauftragen. So blieb die Wertschöpfung in der Region,
gleichzeitig konnte auf die Erfahrung und Qualität der örtlichen Handwerksbetriebe gesetzt
werden. Wo frĂĽher Stallungen standen, entstand ein groĂźzĂĽgiger Innenhof. Im Haupthaus
wurden vier hochwertige Wohnungen geschaffen. Neue Balkone eröffnen den Blick bis zum
Monte Kaolino und nach Weiher. Aus dem sanierungsbedĂĽrftigen Anwesen ist wieder ein
Ort zum Leben geworden, zugleich ein StĂĽck bewahrter Hirschauer Geschichte.
„Alte Häuser geben einem unheimlich viel zurück“, resümiert Alfred Härtl. „Man braucht
Geduld, Ausdauer und manchmal starke Nerven. Aber wenn am Ende wieder Leben in
diese Mauern einzieht, weiß man, dass sich jede Stunde Arbeit gelohnt hat.“ Vielleicht ist
das das größte Geschenk alter Häuser: Sie verlangen Geduld und Ausdauer. Irgendwann
beginnen sie, sich für all die Mühe zu bedanken – mit jedem Stein, jedem Balken und den
Spuren vergangener Generationen, die ihre Geschichte auch künftig weitererzählen.