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Nachricht vom 20.10.2017 Vereine

Keramikausstellung kultureller Highlight

Hirschau (Bericht von Werner Schulz)  Nicht nur die Metropolen der GlobalitĂ€t, auch KleinstĂ€dte in der „Provinz" bieten interessante innovative Kulturangebote, z.B. Hirschau in der Oberpfalz. Formuliert hat diesen Satz der Hamburger Kulturhistoriker Volker Zelinsky. Mit der von ihm organisierten Ausstellung „Helene Fischer und Maria Piffl – KeramikentwĂŒrfe fĂŒr Carstens Hirschau“ lieferte er selbst den Beleg fĂŒr seine These. Unter dem Motto „VasenKunst“ wurde sie letzten Freitag in der Alten MĂ€lzerei eröffnet.

Zur illustren GĂ€steschar, die der Hausherr und Festspielvereinsvorsitzende Hans Drexler begrĂŒĂŸte, gehörten neben Sponsoren und Leihgebern anerkannte Keramik-Experten wie Pfarrer Klaus Haußmann und vor allem Michael Popp. Drexler betonte, dass Popp es war, der die Hirschauer 2004 mit seiner Keramikausstellung aus ihrem „Steingut-Dornröschenschlaf“ geweckt und den Anstoß gegeben hatte, sich des bedeutenden Kapitels ihrer Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu erinnern. Dass die Steingutfabriken in ihrer BlĂŒtezeit Weltfirmen und mit zeitweise 500 BeschĂ€ftigten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor fĂŒr Hirschau waren, wurde einer breiten Öffentlichkeit schnell bewusst. Weniger galt dies fĂŒr die kulturelle Bedeutung. Letztes Jahr hatte Popp mit der „Ausstellung Siegfried Möller“ genau dafĂŒr das Bewusstsein geschĂ€rft. Volker Zelinsky war einer der Experten, der ihn dabei unterstĂŒtzt hatte. Er arbeitete an einer Dissertation ĂŒber „Die Gebrauchskeramik des Carstens-Konzerns“ und war dabei auf die Namen zweier weiterer in Hirschau tĂ€tigen Entwerferinnen gestoßen – Helene Fischer und Maria Piffl.

Drexler bekannte, dass die Doktorarbeit ihn auf die Idee brachte, Volker Zelinsky mit dem Festspielverein das Arrangieren einer Ausstellung mit Objekten aus der Feder der beiden KĂŒnstlerinnen zu ermöglichen. Das kulturelle Engagement des Vereins beschrĂ€nke sich nicht auf die StĂŒckl-Festspiele und Mitwirkung bei der Kirwa. Drexler betonte aber auch, dass der Verein nicht alle Jahre in der Lage sei, derartige Ausstellungen auf die Beine zu stellen. Seine Anspielung, die jetzige Hirschauer Ausstellung könnte eventuell in Österreich eine Fortsetzung finden, hatte einen guten Grund. Unter den GĂ€sten konnte er auch Helene „Mau“ Fischers Nichte und Nachlassverwalterin Andrea Troup aus Steyr willkommen heißen.

BĂŒrgermeister Hermann Falk sah in der Erforschung der Geschichte der Steingutfabriken zugleich eine Vertiefung der Kenntnisse ĂŒber die Stadtgeschichte. Die Ausstellung mache deutlich, dass in Hirschau nicht nur Massenware, sondern anspruchsvolle Kunstkeramik produziert wurde. Neben den bereits bekannten KĂŒnstlern Siegfried Möller und Eva Zeisel ließen sich dank der Zelinsky-Recherchen weitere sechs in Hirschau ab 1930 tĂ€tigen KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler nachweisen. Helene Fischer und Maria Piffl hĂ€tten eine neue kĂŒnstlerische Periode eröffnet. In der Ausstellung, fĂŒr deren Zustandekommen er Volker Zelinsky, Pfarrer Haußmann und dem Festspielverein mit AltbĂŒrgermeister Hans Drexler an der Spitze dankte, sah das Stadtoberhaupt ein kulturelles Highlight.

Als „mehrstufigen Krimi“ bezeichnete Volker Zelinsky das Recherchieren nach Maria Piffl und Helene „Mau“ Fischer. Im Falle Piffl, deren Name im Carstens-Katalog Georgenthal genannt war, sei er durch Zufall im Internet auf die richtige Familie gestoßen. Das Auffinden des Nachlasses von Helene Fische sei monatelang erfolglos geblieben, bis sich eines Tages Andrea Troup meldete, die nach 40 Jahren in England nach Steyr zurĂŒckgekehrt war. Die Firma Carstens sei mit seinen zehn Steingutwerken in Deutschland die klare Nummer 2 gewesen.

Der MarktfĂŒhrer Villeroy & Boch habe meistens den Erfolg neuer Trends auf dem Markt abgewartet, bis diese in Produktion gingen. Carstens dagegen habe jungen Absolventen von Kunstgewerbeschulen und Kunstakademien sofort nach dem Studium die Übernahme von Entwurfsverantwortung ĂŒbertragen. Daher seien Formen und Dekore bei Carstens meist moderner zu ĂŒber 60 Prozent abstrakter gewesen als die der Konkurrenz. BezĂŒglich der Abstraktion seien die EntwĂŒrfe Fischers und ihrer Nachfolgerin Zeisel auf europĂ€ischem Niveau einzustufen. Der schnelle Wechsel an Entwerfern habe den Wettbewerb unter den einzelnen Carstens-Werken befeuert.

Fischer habe im Stile des modernen Kubismus geradezu „unverfroren“ mit geometrischen Komponenten wie Kugel, Kegel, Rhombus, Dreieck, Rechteck und deren Kombinationen jongliert, egal ob es sich um Vasen, Dosen, Aschenbecher, Messerhalter oder Schalen handelte. Fast parallel zum kubistischen Ansatz habe sie einen harmonisch sanften Stil mit Wellenlinien und organischen Elementen entwickelt. Dies seien die AnfĂ€nge des „organic style“, der nach dem zweiten Weltkrieg berĂŒhmt wurde. Vasen mit Öffnungen in Form eines Kleeblatts oder eines schmalen Ovals seien in dieser Zeit einzigartig und erst in den 50-er Jahren in Mode gekommen.

Wie in den 20-er Jahren die Asterndekore das Markenzeichen fĂŒr Hirschauer Steingut waren, wurden dies Piffls Stricheldekore Anfang der 30-er Jahre. Gemeinsam mit Klaus Haußmann habe er bisher 29 verschiedene Stricheldekore identifizieren können. Bei diesen werden in Handmalerei sehr viele Farbstriche nebeneinander gesetzt, so dass sie nur bei extremer Fokussierung als Einzelstrich erkennbar sind Diese „Überzahl“ der Linien habe eine auf das Auge verwirrende Wirkung und fĂŒhre immer wieder reflexartig zu einem Gesamtbild zurĂŒck. Dieser Eindruck werde Verwendung durch die Monochromie und durch die UnregelmĂ€ĂŸigkeit der Striche verstĂ€rkt. Durch die zusĂ€tzlichen Farbvarianten, die innerhalb eines Strichbandes von Dunkel zu Hell variieren, produziere das Dekor RĂ€umlichkeit. Speziell bei großen FlĂ€chen werde die Farbdynamik durch eine Segmentierung der MalflĂ€che gesteigert. Die Stricheldekore seien Ă€ußerst innovativ gewesen und in den Folgejahren von den Wettbewerbern nachgemacht worden. Wie modern sie sind, zeigen Vergleiche mit der „Minimal Art“ eines Sol de Witt und Objekten der konkreten Kunst, wie sie im Museum in Ingolstadt zu besichtigen sind. Zusammengefasst könne man sagen, dass die zwei Freundinnen Fischer und Piffl die Abstraktion in die Oberpfalz gebracht haben.

Das Schicksal der beiden se extrem unterschiedlich verlaufen. WĂ€hrend Fischer als ĂŒberzeugte KĂŒnstlerin, die nur Unikate schaffen wollte und auf jegliche Multiplikation verzichtete, bis ins hohe Alter in ihrer Werkstatt in Graz kreativ war, starb Piffl tragisch bereits mit 28 Jahren an einer Lungenkrankheit.

In einer Vitrine seien auch Exponate von Eva Schulz-Endert zu sehen. Da ihm der Nachweis ĂŒber ihre Arbeit in Hirschau erst im FrĂŒhsommer gelungen sei, konnte die Ausstellung nicht ausgedehnt werden. Zelinsky hoffte, ihr Oeuvre zu dokumentieren wie auch das von Erich Krause und Mirene Schmidt, die in den 30-er Jahren ebenfalls in Hirschau tĂ€tig waren. Er bleibe jedenfalls am Ball.



Zelinskys Dank galt vor allem dem Festspielverein mit seinen Vorsitzenden Hans Drexler und Alfred. Ohne deren Aufgeschlossenheit gÀbe es die Ausstellung nicht. Der Verein habe es zudem ermöglicht, den die Ausstellung begleitenden Katalog zu erstellen. In seinen Dank schloss er alle Leihgeber und Leihgeberinnen ein.

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