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Nachricht vom 2008-11-16
Verfasser: Werner Schulz  
Hirschauer Stückl'n mehr als Dummenschwänke

Kurzweilig-interessanter Vortrag von Werner Schulz beim Wenzelkreis

Den Wenzelkreismitgliedern aus der Seele sprach Hans Maier (l.), als er sich mit einem Geschenk bei Werner Schulz (r.) für seinen “hoch interessanten Vortrag über die Hirschauer Stückl’n” dankte.
Hirschau. Aus welcher Zeitepoche stammen die ersten „Hirschauer Stückl‘n“? Wie eng ist die Verwandtschaft zwischen den „Stückl‘n“ und den Schildbürgerstreichen?“ Antworten auf diese Fragen gab Werner Schulz den Mitgliedern des Wenzelkreises beim sehr gut besuchten Vereinsabend im Schloss-Keller. Eine gute Stunde lang fesselte er die Anwesenden mit seinen gleichermaßen informativen wie kurzweiligen Ausführungen.

Werner Schulz berichtete, dass er sich seit 1996 mit dem Themenkreis befasse. Er habe im Fernsehen vom Anlegen eines Schildbürgerlehrpfades und Einrichten eines Museums im sächsischen Schildau erfahren. Gleich lautende “Stichelschwänke” wie der Bau des fensterlosen Rathauses hätten ihn veranlasst, umgehend Kontakte zum Schildauer Geschichtsverein zu knüpfen. Es stellte sich heraus, dass dieser seit Jahren die Hintergründe der Schwankgeschichten erforschte.

Der Vorsitzende Wigand Cernik habe ihn mit historischen Quellen konfrontiert, die belegen, dass Schildbürger wie Hirschauer seit Jahrhunderten für ihre angeblichen Narrenstreiche gehänselt werden. So liest man in der “Descriptio Scheppenstatii” von 1619: “Denn deren lächerliche Thaten werden soviel und mangerley herumgetragen, das sie theils den Schildbürgern, theils den Hirschauern, theils uns Schöppenstädtern zugeschrieben werden.” Martin Zeiller schreibt 1632 im “Itinerarium Germaniae”: “Schilda: Eyn Stätteleyn, so sich mit Hirschau vexieren (hänseln) lassen muß. Man saget den dortigen Burgern allerley Streich nach, welch Schwänk ein feyn Bücheleyn, genennet das Lalebuch (1597), es beschreybet”.

Namhafte Literaturhistoriker seien der Meinung, “Hirschau sei hinreichend verdächtig, wesentliche Vorbilder für das Lalebuch geliefert” zu haben. Die Quellen machten deutlich, dass die ursprünglichen “Hirschauer Stückln” lange vor 1597 anzusiedeln seien. Das 1598 erschienene “Schiltbürgerbuch” sei der unberechtigte Nachdruck des “Lalebuches”. Im Text werde “Laleburg” durch “Schiltburg” ersetzt, aus den “Lalen“ würden “Schiltbürger“.

Zwischen den Stückl’n und Schildbürgerstreichen gebe es auch Unterschiede. Das Schildbürgerbuch gelte wegen seiner durchgängigen Handlung als Vorläufer des deutschen Romans. Die “Stückl-Sammlungen” seien eine Aneinanderreihung einzelner Anekdoten. Laut Schildbürgerbuch hätten die Schildbürger ihre Torheit freiwillig gewählt. In den “Stückl-Sammlungen” finde sich dafür keine Entsprechung.

Schildauer wie Hirschauer hätten sich auf verschiedene Art und Weise gegen die “üblen Nachreden” gewehrt. Um die Ehre der Schildaer zu retten, habe Christian Schöttgen 1797 eine Schrift zur “Vertheidigung der Stadt Schilda” verfasst.

Die Hirschauer hätten sich mit anderen Methoden für die “Stichel-Schwänke“ gerächt. Ein “Rache-Stückl” schildere Qurinus Pegeus schon 1662. Er berichtet von einem Rittmeister, der ein “Hirschauer Poß” erleben wollte und dessen Stiefel der Diener im Gasthof nachts durch Abschneiden der Vorfüße zu Pantoffeln umfunktionierte. Für solche “Rache-Stückln” finde sich keine Entsprechung bei den Schildbürgerstreichen.

Dies gelte auch für lustige Begebenheiten, die unter dem Begriff “Hirschauer Stückl’n” firmieren. Ein Beispiel sei die Geschichte des zahlungsunwilligen Karussellbesitzers, dessen Drehorgel die Hirschauer ins Feuerwehrhaus einsperrten. Die Folge war, dass die Feuerwehr nachts zu einem Brand in Gebenbach statt mit der Feuerspritze mit der Orgel ausrückte.

Von einer anderen lustigen Begebenheit berichte Hans Sachs, einer der berühmtesten Dichter seiner Zeit. Er schreibe am 1. April 1559 unter der Überschrift “Der Aufruhr zu Hirschau“: “Ins Wirtshaus des Städtleins Hirschau kamen einmal zwei Bürger mit der Mär, daß fremde Reiter gegen das Städtlein heranzogen. Sofort wurden die Tore geschlossen und alle wehrhaften Männer rückten aus gegen den feind. Die vermeintlichen Feinde waren aber zwölf Bauern vom nahen Dorf Ehenfeld, die während der Arbeit im Holzschlag zwei Eichhörnchen jagten. Der Irrtum klärte sich bald auf, die Städter blieben im Wirtshaus, das gefangene Eichhörnchen (das andere war entkommen) wurde verspeist und die Bürger von Hirschau redeten nie viel von diesem Ereignis.”

Einen fast makabren Unterschied, so Werner Schulz, gebe es bezüglich des Endes der Schildbürger und dem der Hirschauer. Laut Rudolf Kubitschek, dem man mit 73 Stückl’n die größte Sammlung zu Verdanken habe, endeten die Hirschauer auf tragische Weise - dies ausgerechnet am Heiligen Abend im Anschluss an die Christmette. Wegen des “argen Wetters” zogen die Hirschauer einen Strick von Haus zu Haus, damit sie nach der Mette wieder in ihre Behausungen heimfänden. Ein Walzbruder habe den Strick von den Türen gelöst und ihn “freventlich” an einen Pflock draußen im Wasser des Sees gebunden. Die Hirschauer seien nach der Mette am Ende des Strickes ins Wasser gepurzelt und “elendiglich ersoffen”.

Die Schildbürger dagegen hätten sich auf die ganze Welt verteilt, nachdem sie ihre Stadt aus Angst vor dem Maushund - der Tier, Weib und Kind frisst - niedergebrannt hatten. Erst jüngst sei ihm eine fast identische Geschichte über die Hirschauer bekannt geworden. Sie sei im Buch “Märchen, Legenden und Sagen aus der Oberpfalz” abgedruckt.

An der Stelle wies Werner Schulz darauf hin, dass auch das „böhmische Hirschau im Ringe der Schwarzkoppe bei der Stadt Taus“ den Anspruch erhebe die „Stückl-Stadt„ zu sein. Die von dort stammende Ex-Rektorin der Auerbacher Realschule, Schwester Beata Wittmann, habe ihm 1997 berichtet, dass im dortigen, nicht mehr existierenden Rathaus Fresken mit „Hirschauer Stückln“ abgebildet waren.

Zum Schluss seines mit anhaltendem Beifall bedachten Referates erachtete es Werner Schulz als Zukunftsaufgabe, den Gehalt der “Hirschauer Stückln” intensiver zu hinterfragen. Sie seien mehr als lustige Ulk- und Narrengeschichten und müssten aus dem Dunstkreis sog. “Dummenschwänke” gelöst werden, wie es Dr. Erika Lindig vom Institut für Volkskunde an der Universität Regensburg fordere.
Bilder:

Foto(s): Werner Schulz

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