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Nachricht vom 2008-04-06
Verfasser: Werner Schulz  
Trachtler erleben hoch interessanten Vortrag über "Hirschauer Stückln"

Eine Stunde lang vom Thema gefesselt - Stückln aus Dunstkreis der reinen Ulk- und Narrengeschichten befreien

Seinen Mitgliedern aus der Seele sprach Trachtler-Vorstand Alfred Naber (l.), als er sich mit einem Geschenk bei Werner Schulz (r.) für seinen “hoch interessanten Vortrag über die Hirschauer Stückln” bedankte.
Hirschau. “Welche Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede gibt es zwischen den “Hirschauer Stückln” und den Schildbürgerstreichen?” Antworten auf diese Fragen gab Werner Schulz den Mitgliedern des Heimat- und Trachtenvereins in seinem hoch interessanten Vortrag beim sehr gut besuchten Vereinsabend im Schloss-Keller. In seiner Begrüßung betonte Vorstand Alfred Naber, dass es einem Verein, dem die Brauchtumspflege am Herzen liege, gut anstehe, sich genauer mit den geschichtlichen Wurzeln der “Hirschauer Stückln” zu befassen.

Werner Schulz berichtete, dass sein Interesse für den Themenkreis 1996 durch eine Fernsehsendung geweckt worden sei, bei dem über das Anlegen eines “Schildbürgerlehrpfades” und Einrichten eines “Schildbürgermuseums” im sächsischen Schildau berichtet wurde. Angesichts der Parallelen wie z.B. dem Bau eines fensterlosen Rathauses oder dem Versuch, eine Kuh zum Abfressen des Grases auf die Stadtmauer zu ziehen, habe er umgehend Kontakte zum Schildauer Geschichtsverein geknüpft. Schon der erste Schildau-Besuch habe ihm klar gemacht, dass man dort seit Jahren intensiv die Hintergründe der Schwankgeschichten erforsche. Seither werde er regelmäßig nach Schildau eingeladen. Er habe z.B. die Ehre gehabt, im Schildauer Rathaus anlässlich des “Tages der Schildbürger” beim wissenschaftlichen Kolloquium zum Thema “Die Hirschauer und ihre Stückln” zu referieren.

Bis heute seien die Narrenpossen in den Schullesebüchern zu finden. “Die Hirschauer waren dumm”, stehe z.B. in einem Zweitklass-Lesebuch, wo geschildert wird, wie die Hirschauer Salz säen. Das Los, ob solcher Narrenstreiche gehänselt zu werden, tragen die Schildbürger und Hirschauer seit Jahrhunderten. Älteste bekannte Quelle sei die 1619 von einem Schulmeister verfasste “Descriptio Scheppenstadii”. Er schreibt: “Denn deren lächerliche Thaten werden soviel und mangerley herumgetragen, das sie theils den Schildbürgern, theils den Hirschauern, theils uns Schöppenstädtern zugeschrieben werden. Ob es ihnen nun mit Warheit aufgelegt, oder nur aufgetichtet wird, kann ich nicht bejahen, weil ich es selbst weder gehöret noch gesehen.”

Ähnlich äußere sich Martin Zeiller 1632 im “Itinerarium Germaniae”: “Schilda: Eyn Stätteleyn, so sich mit Hirschau vexieren (hänseln) lassen muß. Man saget den dortigen Burgern allerley Streich nach, welch Schwänk ein feyn Bücheleyn, genennet das Lalebuch (1597), es beschreybet”. Welches Hirschau Zeiller meinte, offenbare seine “Topographia Superioris Saxoniae” aus dem Jahr 1650. Es heißt: “Es seyn die von Schilda, wie die von Hirschau in der Obern Pfaltz wegen ihrer einfältigen, lächerlichen Thaten, so man von ihnen begangen erzehlet, vor Jahren berühmt gewesen...”.

An der Stelle, so Schulz, dürften jedoch Theorien nicht verschwiegen werden, dass mit Hirschau das „böhmische Hirschau im Ringe der Schwarzkoppe bei der Stadt Taus auf oberpfälzisch-egerländischem Dialektboden“ gemeint sei. Die von dort stammende Ex-Rektorin der Auerbacher Realschule, Schwester Beata Wittmann, habe ihm 1997 berichtet, dass im dortigen, nicht mehr existierenden Rathaus Fresken mit „Hirschauer Stückln“ abgebildet waren.

Auch Rudolf Kubitschek, dem man mit 73 Stückln die umfangreichste Sammlung verdanke, verweise auf die böhmische Herkunft der „alten Hirschauer“ und betone, dass er seine Sammlung ganz besonders den Menschen des Böhmerwaldes widme.

Literarische Grundlage der Gemeinsamkeiten von Hirschauern und Schildauern sei das “Lalebuch”. Es sei 1597 ohne Angabe des Verfassers und Druckortes erschienen und schildere die Torenstreiche einer süddeutschen Dorfgemeinde. Literaturhistoriker glauben nachweisen zu können, dass “Hirschau hinreichend verdächtig sei, für das “Lalebuch wesentliche Vorbilder gestellt zu haben.” Noch im 17. Jahrhundert habe Hirschau - wie z.B. ein Presseartikel in der “Franckfurter Relation” belegt - als die “Urheimat des Lale- und Schiltbürgerbuches”gegolten.

Das 1598 erschienene “Schiltbürgerbuch” sei der unberechtigte Nachdruck des “Lalebuches”. Im Text werde “Laleburg” durch “Schiltburg” ersetzt, aus den “Lalen“ würden “Schiltbürger“. All diese Quellen machten deutlich, dass die ursprünglichen “Hirschauer Stückln” lange vor 1597 anzusiedeln seien.

Trotz aller Parallelen gebe es zwischen den “Hirschauer-Stückl-Sammlungen” und dem Schildbürgerbuch gravierende Unterschiede. Während das Schildbürgerbuch eine durchgängige Handlung beschreibe und deshalb als Vorläufer des deutschen Romans gelte, handle es sich bei den “Stückl-Sammlungen” um die Aneinanderreihung einzelner Anekdoten. Dies impliziere einen zweiten wesentlichen Unterschied: Die ersten Kapitel des Schildbürgerbuches beschreiben, dass die Schildbürger ihre Torheit freiwillig wählten, weil sie auf Wunsch ihrer Frauen nicht länger fern der Heimat an Königs- und Fürstenhöfen als Berater dienen wollten. In den “Stückl-Sammlungen” finde sich für die freiwillige Torheit keine Entsprechung.

Schildauern wie Hirschauern hätten sich gegen die “üblen Nachreden” gewehrt. Die Hirschauer hätten ihre eigene Version für den Begriff des “Hirschauer Stückls” gehabt. Sie hätten darin die Bezeichnung für ihre Drechslerarbeiten und gediegenen Schuhwaren gesehen, die auf den Jahrmärkten in der Oberpfalz gefragt waren.

Auf alle Fälle sei man sich in beiden Orten von jeher einig gewesen, dass ihnen die Dummheit angedichtet wurde. In Schildau sei man überzeugt, dass der Hofrichter zu Wittenberg, Hans Friedrich von Schönberg, Urheber der üblen Nachreden sei. Er habe das Lächerlichmachen als politische Waffe gegen die Schildauer benutzt, die trotz der bescheidenen Größe ihres Ortes im Landtag Stimmrecht hatten und gegen die Privilegien der Aristokratie aufbegehrten.

Für Hirschau wagte Werner Schulz die These, dass es im 14. Jahrhundert interessierte Kreise gegeben haben könnte, die die Hirschauer um Privilegien beneideten, die ihnen Kaiser Karl IV. zwischen 1353 und 1373 zuerkannt hatte. Dazu gehörten das Einrichten eines Wochenmarktes, die Anordnung, dass die “Goldene Straße” durch den Ort führt und die Erteilung einer Freiung für Neuzuziehende, die zehn Jahre von sämtlichen Steuern und Abgaben befreit waren.

Schildauer wie Hirschauer hätten sich von Anfang gegen die Verleumdungen gewehrt. Um die Ehre der Schildaer zu retten, habe z.B. Christian Schöttgen 1797 eine Schrift zur “Vertheidigung der Stadt Schilda” verfasst. Allerdings ohne Erfolg!

Die Hirschauer hätten sich auf ihre Weise gegen die “Stichel-Schwänke“ gewehrt. So schreibe Johann Hübner 1796: “Die Einwohner machen manchem, der sie mit den “Hirschauer Stückl’n” vexieret, eine solche Kurzweil dafür, dass ihm das Lachen insgeheim vergeht”. So erging es z. B. jenem Rittmeister, der ein “Hirschauer Poß” erleben wollte und dessen Stiefel der Diener im Gasthof nachts durch Abschneiden der Vorfüße zu Pantoffeln umfunktionierte. Für diese Art von “Hirschauer Stückln”, die am treffendsten als “Rache-Stückln” bezeichnet werden, finde sich keine Entsprechung bei den Schildbürgerstreichen.

Dies gelte auch für viele lustige Begebenheiten, die unter dem Begriff “Hirschauer Stückln” firmieren, aber weder den “Stichel-Schwänken” noch den “Rache-Stückln” zuzuordnen seien. Bekanntestes Beispiel sei die Geschichte des zahlungsunwilligen Karussellbesitzers, dem die Hirschauer die Orgel konfiszierten und ins Feuerwehrhaus einsperrten. Nachts musste die Feuerwehr mit allen dort abgestellten Fahrzeugen zu einem Großbrand nach Gebenbach ausrücken. Als das erste Gefährt den steilen Hand Steinmauer hinunterfuhr, schrie der Kutscher nach der Bremse. Einer der müden Schläfer fand einen Handgriff und drehte eiligst drauf los. Da erscholl durch die Nacht das lärmende Gestreich des Orchestrions: “Wir gehn nach Lindenau, da ist der Himmel blau”. Die Brandleider waren alles andere als erbaut, als ihnen zuerst ein Musikinstrument zu Hilfe kam, aber dafür strengten die Hirschauer alle Kräfte an, das Feuer einzudämmen. Peinlich war die Sache aber doch und die Schlafhauben, welche den Streich verbrochen, mussten zuhause noch oft Spott und Schelten hören für ihre Unvorsichtigkeit!”

Einen fast makabren inhaltlichen Unterschied, so Werner Schulz, gebe es bezüglich des Endes der Schildbürger und dem der Hirschauer. Während sich die Schildbürger auf die ganze Welt verteilen, nachdem sie ihre Stadt aus Angst vor dem Maushund niedergebrannt hatten, enden die Hirschauer zumindest in der Sammlung von Rudolf Kubitschek auf überaus tragische Weise, dies ausgerechnet am Heiligen Abend im Anschluss an die Christmette. Wegen des “argen Wetters” zogen die Hirschauer einen Strick von Haus zu Haus, damit sie nach der Mette wieder in ihre Behausungen heimfänden. Ein lockerer Walzbruder aber löste den Strick von den Türen und band ihn “freventlich” an einen Pflock draußen im Wasser des Sees. Die Hirschauer gingen nach der Mette “bedächtiglich” dem Strick nach. “Da purzelten sie am Ende des Strickes einer nach dem anderen, groß und klein, alt und jung, ins Wasser und hatten einen harten Tod, denn alle ersoffen sie elendiglich.”

Für die Hirschauer in der “Obern Pfaltz” freilich hatte Werner Schulz abschließend den Trost parat, dass die Kubitschek-Schilderung mit der Feststellung endet: “Selbiges Mal sollen im Böhmerwald die rechten Hirschauer ausgestorben sein.”

Zum Schluss seines mit anhaltendem Beifall bedachten Referates erachtete es Werner Schulz als Zukunftsaufgabe, den Gehalt und den Hintersinn der “Hirschauer Stückln” intensiver zu hinterfragen. Sie seien - wie die Schildbürgerstreiche oder Eulenspiegel- oder Münchhausengeschichten - weitaus mehr als lustige Ulk- und Narrengeschichten. Der Forderung von Dr. Erika Lindig vom Institut für Volkskunde an der Universität Regensburg sei nichts hinzuzufügen: “Es muss selbstverständlich werden, den Schildbürgerstoff aus dem Dunstkreis der sog. “Dummenschwänke” zu lösen und ihn als eigenständige Dichtung zu behandeln.”
Bilder:

Foto(s): Werner Schulz

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